June 20, 2014

Margreet Boonstra - André Krigar



 André Krigar und Margreet Boonstra im Kunsthaus Müllers, Rendsburg, 2.3.2014 
Foto: shz.de

Axel Feuß:
Ausstellungseröffnung 
MARGREET BOONSTRA - ANDRÉ KRIGAR
DAS AUGE VOR DER NATUR
Burg Kniphausen, Wilhelmshaven, 6. April 2014, 17 Uhr

Sehr verehrte Freunde der Kunst,

für Margreet Boonstra, die in Groningen studiert hat, ist die Ausstellung in Wilhelmshaven fast ein Heimspiel, denn die niederländische Stadt liegt für Sie bei einer Entfernung von etwas über hundert Kilometern sozusagen vor der Haustür. Ich darf annehmen, dass grenzüberschreitende Ausstellungen mit den Niederlanden für Sie üblicher sind als bei uns in Schleswig-Holstein, wo die Ausstellung zuvor in veränderter Form im Kunsthaus Müllers in Rendsburg zu sehen war. Um so interessanter ist vielleicht für Sie die Zusammenarbeit der niederländischen Künstlerin mit einem Maler aus Berlin, André Krigar, der in der Hauptstadt ebenso wie in Hamburg und Schleswig-Holstein durch zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen einen guten Namen hat.

Zusammenarbeit ist ein wichtiges Stichwort. Es hat nämlich Tradition, dass die realistisch malenden Künstlerinnen und Künstler nicht nur allein, sondern auch in der Gruppe und in wechselnder Besetzung zusammen arbeiten. Sie malen unter den Bedingungen des Freilichts in der Natur oder auch in der Stadt, also direkt vor dem Motiv, und werden daher ebenso richtig als Freilichtmaler bezeichnet. Sie sind nicht nur gesellige Menschen, sondern sie finden es wichtig, voneinander zu lernen, über die Mal-Ergebnisse zu diskutieren, vielleicht auch um sich zu messen und sich künstlerisch und intellektuell miteinander auszutauschen. Sie verlängern damit auch ihre Studienzeit an der Akademie, während der man unter Kommilitonen arbeitete und diskutierte, in die Gegenwart. An immer neuen Orten, mittlerweile auf der ganzen Welt, treffen sie sich, um in sogenannten Mal-Symposien gemeinsam künstlerisch tätig zu sein.

André Krigar: Schilf am Haukivesi, 2005, 80 x 40 cm

Begonnen hat damit in jüngerer Zeit die Gruppe "Norddeutsche Realisten", die 1989 von dem in der Nähe von Flensburg lebenden Maler Nikolaus Störtenbecker gegründet wurde. Diese Gruppe hatte im vergangenen Jahr, ergänzt durch weitere realistisch malende Künstlerinnen und Künstler, die der Gruppe nur vorübergehend angehörten, eine viel beachtete Retrospektive im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum auf Schloss Gottorf in Schleswig. André Krigar gehört den "Norddeutschen Realisten" seit 1992 an und hat seitdem an zahlreichen der gemeinsamen Pleinair-, also Freilicht-Symposien teilgenommen. Diese Gruppe ist allerdings keine Zwangsgemeinschaft. Vielmehr hat jeder der beteiligten Künstler einen charakteristischen Stil, eine persönliche Künstlerkarriere, eigene Ausstellungen und Aktivitäten. Dies gilt umso mehr für André Krigar, der in Berlin und Hamburg als Stadtmaler anerkannt, malend in der ganzen Welt unterwegs ist und der 2008 zusammen mit den finnischen Malern Heinrich Ilmari Rautio und Pekka Hepoluhta eine eigene Gruppe mit dem Namen "triumviratus" gegründet hat.

Margreet Boonstra: Auf dem Berg von Bergen, 2012, 50 x 100 cm

Hinter der gemeinsamen Pleinair-Malerei und dem Bestreben, Gruppen zu gründen, steht allerdings eine sehr viel ältere Tradition, nämlich die Gründung der Künstlerkolonie von Barbizon im Jahr 1830. Damals rebellierten die Künstler gegen die an den Akademien gelehrte Historien- und Ateliermalerei. Sie interessierten sich nicht mehr für antike Szenen, historische Schlachten und im Ate­lier komponierte Landschaften. Statt dessen zogen sie gemeinsam hinaus in das Dorf Barbizon am Rand des Waldes von Fontainebleau südlich von Paris. Dort sollte nur die Natur ihre Lehrmeisterin sein. Unter freiem Himmel studierten sie den zuvor als unbedeutend empfundenen Landschaftsausschnitt, die "paysage intime". Sie entwickelten die Fähigkeit, Stimmungen, Licht und Farbeindrücke mittels kurzer, aneinander gefügter Pinselstriche in abgestuften Farben wiederzugeben. Das war eine Technik, die zuvor nur für kleine Handstudien angewendet wurde, aus denen man dann im Atelier die großen Landschaftsgemälde komponierte. Die Freilichtmaler von Barbizon begannen jedoch, in dieser Technik vollständige Landschaftsbilder im Freien auf der Staffelei zu malen und stellten diese dann in den Pariser Salons aus. Sie legten damit die Grundlage für die weitere Entwicklung der bildenden Kunst: im 19. Jahrhundert für den Realismus, den Naturalismus und den Impressionismus, im 20. Jahrhundert für die Erkenntnis, dass sich aus den scheinbar unbedeutenden, einfachen Dingen in der alltäglichen Umgebung, aus Ausschnitten, Schnipseln und gefundenen Dingen bedeutende Kunst entwickeln lässt.

André Krigar: Im Vorbeigehen, 2004, 24 x 30 cm

André Krigar nahm in den Neuzigerjahren an den Mal-Symposien der "Norddeutschen Realisten" in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und auf dem Segelschulschiff Gorch Fock teil, im Jahr 2000 am Tuusula-See in Finnland, 2003 im Kieler Landtag, 2006 im Bundesrat in Berlin sowie 2011 auf der Insel Sylt. Die Kunstwerke, die während der Symposien entstanden, wurden in Galerien und Museen meist vor Ort ausgestellt, also auch im Landtag in Kiel und im Bundesrat in Berlin. In der Regel gab es dazu umfangreiche Ausstellungskataloge. In Hamburg fanden Symposien der "Norddeutschen Realisten" 1995 und 2007 im Hamburger Hafen, im Jahr 2000 bei der Lufthansa-Technik am Flughafen Fuhlsbüttel und 2004 in Blankenese statt, an denen Krigar ebenfalls teilnahm. Das ist insofern interessant, als zahlreiche realistische Malerinnen und Maler sich nicht nur für die mal liebliche, mal raue Natur, sondern auch für die malerische Wirkung von Flugzeughangars und Schiffsrümpfen im Dock interessieren und weil - wie in Hamburg-Blankenese - Kirchengemeinden und ganze Stadtteile an ihrem künstlerischen Schaffen Anteil nehmen.

Die niederländische Entsprechung zu den "Norddeutschen Realisten" ist die Gruppe "Het Noordelijk Realisme". Sie entstand Anfang der Achtzigerjahre aus einer "Gruppe Figurative Abstraktion" an der Staatlichen Akademie in Amsterdam und wurde dann im Nordosten der Niederlande, in Groningen, Friesland und Drenthe, aktiv. Seitdem entstand unter dem Einfluss der Kunstakademie Minerva in Groningen, an der Margreet Boonstra von 1989 bis 1994 freie Malerei studierte, der "Realismus des Nordens". Eine niederländische Webseite verzeichnet für die Gruppe "Het Noordelijk Realisme" neben Boonstra, die der Gruppe seit 1997 angehört, weitere 65 Künstlerinnen und Künstler. Das sind ungefähr dreimal soviel Mitglieder als zum festen Bestand der "Norddeutschen Realisten" gehören. Auch in den Niederlanden gibt es Freilichtsymposien. In Katwijk nehmen seit 2008 in jedem Jahr während des Sommers sowohl lokale als auch auswärtige Künstlerinnen und Künstler an dem Malfestival unter freiem Himmel teil. Dieses Festival mit dem Titel "Katwijk en plein-air - Malerei am Meer" wird von einer lokalen Künstlervereinigung organisiert, die damit eine über einhundertjährige Tradition wiederbelebt hat. Eine Woche lang malen die Künstlerinnen und Künstler am Strand sowie in den Orten Katwijk, Reijnsburg und Valkenburg. Anschließend findet in Katwijk aan Zee die Ausstellung der entstandenen Werke statt. 2008 und 2012 nahm André Krigar am Malfestival in Katwijk teil, bei dem er niederländische Freilichtmaler kennen lernte und in dessen Folge die Idee für die heute gezeigte gemeinsame Ausstellung mit Margreet Boonstra entstand.

André Krigar: Leuchtturm (Urk), 2013, 60 x 50 cm

In dem Ort Katwijk, den Boonstra und Krigar uns neben vielem Anderen in dieser Ausstellung mit Landschaften, Seestücken und Porträts nahebringen, entstand nach Barbizon in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine weitere große Tradition der europäischen Freilichtmalerei. Niederländische Künstler zogen in kleine Dörfer an der Küste oder auf dem Land. Auslöser dafür war vor allem der Einfluss der französischen Malerei, aber auch ein wachsendes Interesse an der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Inspirierend waren die Landschaften von Jacob van Ruisdael und die Interieurmalerei von Johannes Vermeer und Pieter de Hoogh. Die zeitgenössische Interpretation dieser Themen suchte man dann außerhalb der Städte an Orten, in denen sich der ursprüngliche Charakter der Landschaft und des einfachen Volkslebens noch erhalten hatte. Aber nicht nur niederländische Maler, sondern auch Künstler aus anderen Ländern suchten hier das einfache Landleben. Es kamen Amerikaner, Deutsche, Engländer und Belgier, um die niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts in den Museen zu studieren und um in den Künstlerdörfern zu arbeiten.

Margreet Boonstra: Nordseestrand, Katwijk, 2013, 40 x 40 cm

In Katwijk bildete sich ab 1880 eine Künstlerkolonie, die bis etwa 1910 bestand. Der noch erhaltene Charakter des Fischerortes, der etwa in Scheveningen schon verloren gegangen war, machte den Reiz von Katwijk aus. Die Zahl der Maler, die dort gearbeitet haben, ist außergewöhnlich hoch. Eine Inventarisierung, die das Museum von Katwijk 1995 veröffentlichte, verzeichnet 439 Niederländer und 440 Ausländer. Viele kamen in den Sommermonaten mehrmals, einige wohnten länger dort. Der berühmteste deutsche Maler, der sich in Katwijk aufgehalten hat, ist der Berliner Max Liebermann. Er besuchte die Niederlande ab 1871 regelmäßig. Die Aufenthalte wurden entscheidend für seine Motivwahl und den naturalistischen Stil seiner Malerei, denken Sie an die "Netzeflickerinnen", die "Flachsscheuer in Laren", das "Altmännerhaus in Amsterdam", die spielenden Knaben am Strand. Neben Liebermann kamen vor allem Maler, die später als Naturalisten oder Impressionisten bekannt wurden, in die Niederlande wie Friedrich Kallmorgen, Leopold von Kalckreuth und Ivo Hauptmann. Aus Schleswig-Holstein waren Hans Peter Feddersen und Otto Heinrich Engel in den Niederlanden. Durch die Vermittlung dieser Maler haben wir gelernt, die Landschaft der Westküste, sei es in Schleswig-Holstein oder in Niedersachen, mit Augen zu sehen, die an der niederländischen Landschaft, an den dortigen Motiven und an der niederländischen Malerei geschult wurden.

Margreet Boonstra: Der Hafen von Urk, 2013, 40 x 30 cm

Nicht nur aufgrund der historischen und kunstgeschichtlichen Tradition, auch landschaftlich sind uns die Bilder von Margret Boonstra daher sehr vertraut. Ihre Bilder von kleinen Häfen am Ijsselmeer und vom Nordostpolder in der Provinz Drente könnten genauso gut Szenen im nordfriesischen Wattenmeer oder an Jade, Weser und Elbe zeigen. Die von ihr geschilderten Birkenniederungen könnten ebenso an der Treene bei Oeversee im Landesteil Schleswig oder am Rand des Teufelsmoors bei Worpswede liegen. Die  "Russendünen bei Katwijk" und den "Ersten Schnee auf Vlieland" würden wir auch als Bilder von Sylt, Amrum oder den Ostfriesischen Inseln akzeptieren. Das liegt natürlich an den ähnlichen Landschaftsformen und an den Stimmungen der Atmosphäre und des Wetters, die an den Küsten von Noordholland, Drente und Friesland ähnlich sind wie an der deutschen Nordseeküste. Vor allem aber liegt es an der Fähigkeit der Malerin, die Landschaft und ihre Stimmungen, das Licht und die atmosphärischen Erscheinungen auf der Leinwand in Ereignisse aus Pinselstrichen und Farbe umzusetzen. 

Margreet Boonstra: Erster Schnee auf Vlieland (Holland), 2010, 70 x 90 cm

Da ist nichts detailgetreu oder fotorealistisch abgemalt. Sondern es sind Licht- und Farbeindrücke in farbige Ereignisse übersetzt, die wir als Betrachter mit unseren eigenen Erfahrungen der Landschaft vor dem geistigen Auge in Übereinstimmung bringen. Weit ist in ihren Landschaften und Seestücken das Maß an Abstraktion und an feiner Farbabstimmung gediehen, das mich an die Schleswig-Holsteinischen Maler aus der Zeit um 1900, an Hans Peter Feddersen, oder beim Glühen ihrer Blumensequenzen und den klaren, frostigen Winterstimmungen an Hans Olde erinnert. Lichtdurchflutet und mit starkem Gewicht auf der Natur sind ihre Ansichten aus Berlin. Typisch niederländisch wirken auf uns, natürlich durch die charakteristische Tracht, ihre Porträts aus Volendam und Katwijk. Außerdem sind von ihr Bilder vom "Lamu Painters Festival" auf Lamu Island in Kenya zu sehen, an dem Margreet Boonstra 2013 gemeinsam mit anderen niederländischen Malern, mit André Krigar und dem Finnen Pekka Hepoluhta teilgenommen hat.

Margreet Boonstra: Atelier in der Manteuffelstraße, Berlin, 2013, 50 x 65 cm

André Krigar zeigt in dieser Ausstellung einen Querschnitt durch unterschiedliche Werkgruppen sowie von verschiedenen Mal-Symposien und Reisen seit 2004. Seine "Abendstimmung" von der Elbe bei Blankenese führt uns zurück in die Zeit, als ich ihn anlässlich des Mal-Symposiums der "Norddeutschen Realisten" 2004 in Hamburg-Blankenese kennen lernte. Seine Bilder aus Finnland von 2005, ein Waldrand von 2006 und die Bilder vom Symposium in Katwijk 2013 zeigen kleine Landschaftsausschnitte, Naturidyllen, die wir in letzter Zeit von Krigar nicht gewohnt waren. Auch andere Bildgattungen wie Akte und Figurenbilder hat er mit einem Abstand von einem Jahrzehnt wiederbelebt. Seine "Krabbenpulerinnen" sind in der klassischen Perspektive und der Reihung komplementärer Farben eine Hommage an Max Liebermanns "Netzeflickerinnen" und dessen "Flachsscheuer in Laren".

André Krigar: Cristina aus Tarent, 2012-14, 70 x 40 cm

Krigar brilliert, wie nicht anders zu erwarten, mit seinen Städtebildern aus Berlin und Hamburg. Er stammt aus Berlin und ist Sohn des Filmregisseurs und Dokumentarfilmers Kurt Krigar. Er studierte dort 1972-79 an der Hochschule für bildende Künste. Seit dem Fall der Berliner Mauer war er mit Staffelei und Malkasten in den ehemaligen Ost- und Westteilen der Stadt unterwegs, um diese vor dem geistigen Auge und im Bild wieder zum einem Ganzen zusammenzufügen. Nach den Symposien der "Norddeutschen Realisten" in Hamburg begann er ab 2008, die Hansestadt auf Tagesfahrten von Berlin aus malerisch zu erkunden. Seitdem hat er in zahlreichen Ausstellungen der langen Tradition der Hamburger Freilichtmalerei neue Blicke auf bislang wenig beachtete Gegenden hinzugefügt. Andere Stationen seiner Malerei waren neben Rom, Florenz, Helsinki, Paris und Amsterdam Städte und kleinere Orte, in denen er von Galerien zum Malen eingeladen war, wie Mainz, Speyer, Klaukkala, Modica, Varese und Salerno. 2008 wurde ihm in Noordwijk der Rembrandt Painting Award verliehen, für den Margreet Boonstra 2011 nominiert war.

André Krigar: Häuserecke, nachts, 2011, 40 x 30 cm

In seinen Landschaften ebenso wie in seinen Stadtbildern interessieren Krigar Licht- und Farbereignisse: schöne Sonnentage mit glitzerndem Wasser, ein bewegtes Schilffeld, Licht, das durch Baumkronen fällt, eine Abendstimmung im Schnee, ein nachts erleuchtetes Konzerthaus ebenso wie regnerisch verhangene Nachmittage im November. Kein Interesse hat er jedoch an Postkartenansichten. In der Stadt malt er vorzugsweise alltägliche Wohn- und Einkaufsstraßen, Blicke durch Bahnunterführungen, eine Litfasssäule im Schnee, Kreuzungen, Straßenecken und sogar Baustellen, deren Stimmungen zur jeweiligen Tages- und Jahreszeit er mit kurzen prägnanten Pinselstrichen aus Licht- und Farbereignissen charakterisiert. Durch schnell gesetzte Abstufungen in den Lokalfarben, pastose Pinselstrukturen und eine summarische Andeutung der Details entsteht eine bewegte Bildoberfläche, die zugleich Ausdruck der ständigen Veränderungen des Lichts und der im Freien überall sichtbaren Bewegungen ist.

André Krigar: Zurück zum Markt (Lamu Town), 2013, 80 x 100 cm

Filmisches Sehen ist bei ihm nicht nur durch den Einfluss des Vaters, sondern auch durch die zahlreichen Reisen und das Malen in der Großstadt ausgeprägt. Wetter, Licht, vorüberziehende Wolken und die Oberflächen von Gewässern verändern sich während des Malvorgangs ständig. Menschen gehen vorüber. Der Maler speichert die flüchtigen Bilder aus dem vorüberziehenden Film in seinem Unterbewusstsein und aktiviert sie beim Übertragen ins Ölbild. Niemals jedoch verwendet er Fotografien, immer ist sein Auge direkt vor der Natur. Häufig wird der Betrachter auf seinen Gemälden wie auf einer Kamerafahrt durch den Bildraum geführt. Schauen Sie auf das aufregende Bild "Zurück zum Mark in Lamu". Das Auge des Betrachters beginnt unterhalb der Bildmitte auf einem kleinen unbedeutenden Lichtpunkt auf dem Boden, wandert nach rechts zu den Verkaufsständen, dann in einem Bogen zur Mitte zurück, zu der vorüber gehenden Gestalt und konzentriert sich dann auf die schillernden Licht- und Farbereignisse am oberen Bildrand. Spannender kann man eine Bildgeschichte kaum gestalten.

June 13, 2014

Herbert Marxen


Ausstellung
POLITISCH INKORREKT - 
DER FLENSBURGER KARIKATURIST HERBERT MARXEN (1900-1954)
Museumsberg Flensburg, 18.5.-7.9.2014

Katalog: 60 Seiten, 88 Abbildungen, 14,90 Euro
zu bestellen bei:
http://www.museumsberg-flensburg.de/shop-uebersicht.html

 

















Axel Feuß:
Ausstellungseröffnung 
POLITISCH INKORREKT - 
DER FLENSBURGER KARIKATURIST HERBERT MARXEN (1900-1954) 
Museumsberg Flensburg, 18. Mai 2014, 11.30 Uhr

Sehr verehrte Freunde der Kunst und des Museums,

Der Flensburger Karikaturist Herbert Marxen gehörte zwischen 1928 und 1932 zu den wichtigsten fünf Zeichnern der deutschen Karikaturen-Szene. Vergleichbar ist er von der künstlerischen Bedeutung her und angesichts der Menge der in diesem Zeitraum veröffentlichten Zeichnungen mit jenen Künstlern, die schon seit Jahrzehnten in diesem Genre arbeiteten: Eduard Thöny, Thomas Theodor Heine, Olaf Gulbransson und Karl Arnold. Sie alle sind jedoch eine Generation älter als Marxen, zwischen 1866 und 1883 geboren, und damit die älteren Herren in diesem Genre. Als Marxen öffentlich in Erscheinung tritt, kann er mit seinen achtundzwanzig Jahren also ohne Übertreibung als aufgehender Stern in der Karikaturen- Szene gelten. Bald nachdem seine ersten Zeichnungen in der Münchner Zeitschrift „Jugend“ erschienen sind, bittet ihn daher die Redaktion, von Flensburg nach München umzuziehen, um dort als fester künstlerischer Mitarbeiter tätig zu werden. Karl Arnold, so erfahren wir aus einem Brief, schätze seine Arbeiten sehr.

Herbert Marxen, München 1931

Warum, so werden sich viele von Ihnen fragen, ist er dann heute kaum über den engeren Kreis seiner Heimat hinaus bekannt? Warum hat er nicht die große Karriere gemacht, die wir ihm 1928 vorausgesagt hätten? Herbert Marxen teilt dieses Schicksal mit einer ganzen Generation von Künstlern, die in Büchern und Ausstellungen als die „Verschollene Generation“ bezeichnet worden ist. Das sind jene Künstlerinnen und Künstler, die um 1900 in Deutschland geboren wurden, die während der Weimarer Republik ihre ersten Erfolge feierten, dann von den Nationalsozialisten in ihrem Fortkommen behindert oder sogar verfolgt wurden, die zwei Weltkriege durchlebt haben, deren Kunst während ihrer Lebenszeit niemals in einem Ausstellungskatalog publiziert wurde und die nach dem Zweiten Weltkrieg erleben mussten, dass die internationale Kunst sich zwei Jahrzehnte lang in New York und Paris ohne den Einfluss Deutschlands weiter entwickelt hatte. Es ist jene Generation von Künstlern, denen wir den kulturellen Reichtum der „Goldenen Zwanziger Jahre“ verdanken und von denen nach 1945 keiner mehr sprach. Schauen wir in die Nachlässe dieser Generation, so finden wir Künstlerinnen und Künstler mit großartigen, berührenden Werken, aber auch mit Lebensläufen und Schicksalen, die eng mit der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden sind. Zu ihnen gehört Herbert Marxen.

Marxen ist in Flensburg geboren und aufgewachsen, hat in Engelsby die Volksschule besucht und danach an der Kunstgewerblichen Fachschule studiert, die im Dachgeschoss des Museums untergebracht war. Die dort übliche Ausbildung zum Kunsttischler und Bildschnitzer konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht absolvieren. Aber er besuchte den Unterricht im Zeichnen nach der Natur, im kunstgewerblichen, technisch-geometrischen und Schrift-Zeichnen sowie in Formenlehre. 1921 wechselte er an die Kunstgewerbeschule in Hamburg, kehrte aber bald wieder nach Flensburg zurück. 

Herbert Marxen: Kleine Stadt am Abend, um 1922
Holzschnitt, 23 x 13,5 cm, Museumsberg Flensburg

Herbert Marxen: Liebespaar im Garten, um 1922
Holzschnitt, 21 x 10 cm, Museumsberg Flensburg

Seine Holzschnitte aus dieser Zeit drehen sich, das ist für einen jungen Mann nicht ungewöhnlich, um das Leben in der Kleinstadt und um Liebe und Sexualität. Aus der Vogelperspektive blickt er in die Mauern der Stadt und sieht Paaren in freier Natur beim Liebesakt zu. Man fühlt sich an Szenen von Marc Chagall aus dem fernen Russland, an Holzschnitte von Heinrich Campendonk, Franz Marc oder Gabriele Münter erinnert. Woher diese Einflüsse kommen, ist unbekannt. Illustrationen dieser Künstler erschienen durchgehend in der seit 1910 von Herwarth Walden in Berlin herausgegebenen Zeitschrift „Der Sturm“. Marxen hat diese Zeitschrift vermutlich an der Kunstgewerbeschule in Hamburg gesehen. Schon bei diesen frühen Arbeiten wird sein Interesse für das Groteske und gelegentlich auch Entlarvende sichtbar.

Herbert Marxen: Plakat für die Nordmarktage in Flensburg, 1922
Lithographie, 77,4 x 52,8 cm, Museumsberg Flensburg

Im Frühjahr 1922 wird Marxen auf Empfehlung des Museumsdirektors Walter Dammann mit dem Plakatentwurf für die Flensburger „Nordmarktage“ beauftragt, die im Juni wie im Jahr zuvor auf dem Mürwiker Sportplatz stattfinden sollen. Marxens Plakat, das das blaue Band der Förde mit einem Segelboot, darüber ein Festzelt, ein hübsches Fördemädchen, einen stilisierten roten Baum und daneben einen Reiter mit einem Posthorn zeigt, wird vom Festausschuss begeistert aufgenommen. Beim Publikum und bei der Presse fällt es jedoch komplett durch. Schlimmer noch: Deutsch-nationale Kreise entfachen mit redaktionellen Beiträgen und Leserbriefen eine Pressekampagne, während der der Künstler verhöhnt wird und die mit zahlreichen Artikeln bis zum September des Jahres anhält. Während Marxen sich bei der Gestaltung an modernen Kompositionsprinzipien von Chagall, Kandinsky und Marc orientiert hatte, war man in der Bevölkerung gerade in der Plakatkunst den ganzen Ersten Weltkrieg hindurch an realistische Motive und an Hurrapatriotismus gewöhnt. Marxens Modernismus, Expressionismus und Primitivismus, so war in der Presse zu lesen, hätte jedoch der deutschen Sache nur geschadet; denn um das Hochhalten der preußischen Traditionen in Schleswig-Holstein und gegen den Einfluss der Dänen ging es bei den „Nordmarktagen“.

Herbert Marxen: Sachsen in Italien (Der Mandolinenspieler), um 1926
Bleistift, Feder, 50 x 32 cm, Museumsberg Flensburg

Herbert Marxen: ohne Titel (Tourist in Taormina), um 1926
Feder, Tuschpinsel, 45,7 x 30 cm, Museumsberg Flensburg 

In den folgenden Jahren hält Marxen sich mit kleineren Werbeaufträgen von Flensburger Firmen über Wasser. 1924 beschließt er, noch einmal zu studieren. Er geht nach München, hält es dort aber nur für die Dauer eines Aktzeichenkurses aus und reist dann weiter nach Italien. Während mehrerer Wochen wandert er durch die Romagna und an die Adriaküste, erkundet Rom, besucht Neapel, die Insel Capri, Sorrent und Amalfi und gelangt bis nach Taormina auf Sizilien. Wenn er nicht schon vorher Karikaturen gezeichnet hat, so beginnt er in Italien, seinen Blick für amüsante Situationen, für das Hintergründige und das menschlich Groteske zu schärfen. Vor allem nimmt er die Touristen aus Deutschland aufs Korn. Unter dem Motto „Sachsen in Italien“ schmachtet eine füllige Dame mit Bubikopf einen italienischen Mandolinenspieler an. Prototyp aber ist der deutsche Spießbürger mit Hut und Stock, Zigarrenspitze, Anzug, Krawatte und Mantel, den der Künstler vor den Berghängen von Taormina porträtiert, dem wir in zahlreichen anderen Karikaturen aber auch in einer Reisegruppe auf dem Forum Romanum oder an der Italienischen Riviera begegnen. 

Herbert Marxen: Odysseus und Penelope 
(aus der Folge "Klassische Grotesken"), um 1927
Feder, 50 x 32,5 cm, Museumsberg Flensburg

 Herbert Marxen: Das homerische Lachen
(aus der Folge "Klassische Grotesken"), um 1927
Feder, 50 x 32,5 cm, Museumsberg Flensburg

In einer umfangreichen Serie von „Klassischen Grotesken“ persifliert er in großzügigen karikaturhaft übersteigerten Umrisszeichnungen Szenen aus den Sagen des klassischen Altertums, aus der „Ilias“ und der „Odyssee“, in denen muskulös gebaute Krieger und liebevoll umarmte füllige Griechinnen die Hauptrolle spielen, bei denen dem Betrachter aber auch das breit und mit gebleckten Zähnen gezeichnete Lachen Homers im Halse stecken bleibt.

Herbert Marxen: Straße im Dämmerlicht, 1925
Öl auf Leinwand, 53 x 44 cm, Museumsberg Flensburg

Herbert Marxen: Beerdigung in Flensburg-Adelby, 1934
Bleistift, Feder, Tuschpinsel, Kreide, aquarelliert, 79,6 x 48,2 cm
Museumsberg Flensburg

1925 kehrt Marxen nach Flensburg zurück, weil sein Stiefvater gestorben ist und er sich jetzt um seine mittellose Mutter kümmern muss. Während er wieder von Werbeaufträgen lebt, spezialisiert er sich in seiner freien Kunst weiter auf die satirische Zeichnung und die Karikatur. Vielleicht die bitteren Erfahrungen mit dem Nordmark-Plakat, sicher aber die bedrückende Armut seit der Rückkehr nach Flensburg veranlassen ihn, hinter die Fassaden zu blicken, das Abgründige im Leben offenzulegen und auch die eigene Existenz immer wieder mit tiefgründigem Humor zu befragen. Hauptmotiv seines ersten Gemäldes in dieser Zeit, „Straße im Dämmerlicht“, sind die erleuchteten Fenster, hinter denen sich Kleinstadtleben im Verborgenen abspielt. Die Trauernden bei der „Beerdigung in Adelby“ begleitet der Künstler so weit mit spitzem Stift, dass der Betrachter Menschentypen und Verhaltensmuster als charakteristisch wiedererkennt.

Herbert Marxen: Sternhagelvoll, um 1929
(aus der Serie: "Der Landurlaub des Bootsmanns Anton Christiansen")
Feder, 50 x 32,5 cm, Museumsberg Flensburg
 
 
Herbert Marxen: Stammtischpolitiker, 1929
Feder, Tuschpinsel, 45,5 x 32,5 cm, Museumsberg Flensburg

Durch Vermittlung eines Cousins, der in Wyk auf Föhr ein Café betreibt, lernt Marxen 1928 den Schriftsteller Karl Kinndt kennen, der für die Berliner Satirezeitschriften „Ulk“ und „Simplicissimus“ arbeitet und auch gute Beziehungen zur Zeitschrift „Jugend“ in München unterhält. Mit Empfehlungsschreiben und einer Auswahlsendung an Zeichnungen stellt dieser Herbert Marxen als Karikaturisten vor. Der „Ulk“ und der „Simplicissmus“ veröffentlichen einige seiner satirischen Alltagsszenen, darunter den betrunkenen Seemann vom Flensburger Hafen. Größeren Erfolg hat Marxen bei der Münchner Unterhaltungszeitschrift „Jugend“. Vor allem seine Gesellschaftssatiren wie das Blatt „Stammtischpolitiker“ werden begeistert aufgenommen. Ab 1929 erscheinen seine Karikaturen dort regelmäßig. Bald bittet ihn die Redaktion, nach München zu ziehen, damit er schneller auf Tagesereignisse reagieren kann. Ab Juni 1930 arbeitet er dort als künstlerischer Mitarbeiter und wird zum meist beschäftigten Zeichner der „Jugend“. 

Herbert Marxen: Pompeji, um 1932
Bleistift, Feder, aquarelliert, 46,5 x 45,1 cm, Museumsberg Flensburg

 
Herbert Marxen: Im Fasching, im Fasching .... Stürmische Conferenz, um 1931
Feder, Tuschpinsel, 49,7 x 32.5 cm, Museumsberg Flensburg

Beliebt sind seine Satiren auf die deutschen Touristen in Italien, auf Münchner Szenen, von Fasching und Aschermittwoch und aus den Seebädern an der Nordsee. 

Herbert Marxen: Dempsey verlässt ‚knock out‘ den Ehering, 1931
Feder, Tuschpinsel, aquarelliert, 48,3 x 48,5 cm, Museumsberg Flensburg 
 
 
Herbert Marxen: Der neue Planet in Erdennähe, 1931
Feder, Tuschpinsel, laviert und aquarelliert, 47 x 47,5 cm, Museumsberg Flensburg

Andere Karikaturen sind tagesaktuell, wie etwa „Dempsey verlässt ‚knock out‘ den Ehering“, das mit der Bildunterschrift erscheint: „Die grausame Frau Dempsey: In dem Kampfe zwischen Jack Dempsey und seiner Gattin, der über 30 Runden gehen sollte, flüchtete der Ex-Boxweltmeister aus dem Ring. Er soll die Absicht haben, sich scheiden zu lassen!“ Oder aber eine Karikatur auf einen Asteroiden, der auf den Namen „Eros“, den griechischen Gott der Liebe, getauft worden war. Zu Marxens Kaffeekränzchen mit älteren Damen dichtete die Redaktion: „Freut Euch, Mädchen, Eros nähert sich der Erde!“ 

Herbert Marxen: Der Herrenreiter, um 1930
Feder, Tuschpinsel, aquarelliert, 49,8 x 32,2 cm, Museumsberg Flensburg

Herbert Marxen: Ministerzusammenkünfte, 1931
Feder, Tuschpinsel, aquarelliert, 60,6 x 45,8 cm, Museumsberg Flensburg

Auch im zweiten bedeutenden Fach der Karikatur, den Zeichnungen auf politische Ereignisse und auf Personen der Zeitgeschichte brilliert Herbert Marxen. Zielscheibe seines Spotts sind die jeweiligen Regierungskabinette. Er zeichnet den sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller als Herrenreiter und das mit Notverordnungen regierende Kabinett von Reichskanzler Heinrich Brüning, das seine Ministerzusammenkünfte auf dem sinkenden Schiff der Reichsregierung abhält. Wir erkennen deutlich, dass es zwar notwendig ist, zum genauen Verständnis der Blätter die historischen Hintergründe zu kennen. Karikaturen auf heutige Kanzler und Kanzlerinnen oder gescheiterte Kabinette könnten aber durchaus ähnlich ausfallen. Damit sind Marxens Karikaturen einerseits Dokumente der Zeitgeschichte, für die Gattung der Karikatur aber auch graphisch, künstlerisch und in ihrer ironischen Zuspitzung zeitlos verständliche wunderbare Kunstwerke.

Herbert Marxen: Richard Tauber, um 1931
Feder, Tuschpinsel, 46,5 x 30 cm, Museumsberg Flensburg

Herbert Marxen: Die Verstoßung der Hagar (Böß verlangt 28.000 RM Pension), 1930
Feder, Tuschpinsel, 49,8 x 32,5 cm, Museumsberg Flensburg

Nicht weniger bedeutend sind seine Karikaturen auf Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, unter denen Angehörige des Hochadels wie Kaiser Wilhelm II. im Exil, Geistesgrößen wie Gerhart Hauptman und Albert Einstein, Künstler wie der österreichische Tenor Richard Tauber oder Skandalpolitiker wie der Berliner Oberbürgermeister Gustav Böß sind, der von zwei Betrügern einen Pelzmantel für seine Frau angenommen hatte und, als man ihn deshalb aus dem Amt warf, obendrauf eine Pension von 28.000 Reichsmark pro Monat forderte. Marxen zeichnet ihn hier unter dem Titel „Die Verstoßung der Hagar“ im Pelzmantel seiner Frau, während das Kind zu seinen Füßen die Reichsmark in den Popo hineingeschoben bekommt - ein Schelm, dem ähnliche Geschichten zu welchen auch immer heute lebenden Personen des öffentlichen Lebens einfallen sollten. 
 
Herbert Marxen: Dr. Goebbels in Nöten, in: Jugend, Jg. 36, 1931, Heft 15, S. 228

Herbert Marxen: Kinderhakenkreuzzug, in: Jugend, Jg. 36, 1931, Heft 46, S. 729

Marxen zeichnete 1930 und 1931 aber nicht nur Karikaturen auf die jeweiligen Reichsregierungen, sondern auch auf die Nationalsozialisten. Diese Zeichnungen sind heute nicht mehr im Original erhalten, sondern nur noch von Abbildungen bekannt und daher auch nicht in dieser Ausstellung zu sehen. Es waren Karikaturen auf politische Schachzüge Adolf Hitlers, auf einfache SA-Männer, die vor der Parteizentrale der NSDAP in München Wache schoben oder auf Josef Goebbels, der in Nöten auf der Toilette gezeigt wird. Dabei deutet Marxen die deutlich hörbaren Toilettengeräusche und die Kordel der Toilettenspülung auf die politischen Ereignisse um: „Nebenan eine Detonation - hier eine Zündschnur - ich gehe doch lieber ins Freie“. In einer Karikatur auf die Hitlerjugend lässt Marxen Kinder vom Säugling bis zum Nase bohrenden Jugendlichen hinter einem Hakenkreuz her marschieren und dichtet dazu: „An ihren Früchtchen sollt Ihr sie erkennen.“ 

Herbert Marxen: Im Museum, 1931
Feder, Tuschpinsel, 50,1 x 31,9 cm, Museumsberg Flensburg
Erschienen in der Zeitschrift Jugend, Jg. 36, Heft 13, 1931, S. 201: 
Anerkennung – "So, so, 'n Herr Praxiteles hat det jemacht? Hätte 'nem Juden so wat nich zujetraut!"

In der einzigen im Original erhaltenen Karikatur auf die Nazi-Ideologie, die auch in unserer Ausstellung zu sehen ist, zeigt Marxen den durch das Fehlen jeglicher Allgemeinbildung charakterisierten deutschen Spießer beim Besuch einer Antikensammlung, wie er vor einer Skulptur des griechischen Bildhauers Praxiteles zu dem Schluss kommt: „So, so, 'n Herr Praxiteles hat det jemacht? Hätte 'nem Juden so wat nicht zujetraut.“ Es waren ein halbes Dutzend Karikaturen auf die Nazis in der Zeitschrift „Jugend“, die dem Künstler Jahre später zum Verhängnis werden sollten. Insgesamt veröffentlichte die Jugend bis zum September 1931 einhundertzwanzig Karikaturen von Herbert Marxen. Als die Zeitschrift in finanzielle Not geriet, ging er nach Flensburg zurück. Er konnte aber bis zur vorübergehenden Einstellung des Blattes noch weitere sechzig Blätter veröffentlichen. 

Herbert Marxen: Manöver im Pazifik, um 1936
Feder, Tuschpinsel, laviert, 52,6 x 39,8 cm, Museumsberg Flensburg

Herbert Marxen: Im Lande des Mikado, um 1936
Feder, Tuschpinsel, aquarelliert, 49 x 45,7 cm, Museumsberg Flensburg

Seit seiner Rückkehr nach Flensburg lebt Marxen unauffällig und zurückgezogen und ernährt sich von Werbeaufträgen. Spätestens seit der sogenannten „Machtergreifung“ und der Gleichschaltung aller Publikationsorgane und öffentlichen Gesellschaften 1933 war es einem für die politischen Ereignisse äußerst sensiblen Menschen wie Marxen sicher klar, dass jede politische Äußerung extreme Gefahr bedeuten konnte. Dennoch zeichnete er 1936 eine beeindruckende Folge von Karikaturen auf den japanischen Militarismus, die jedoch, obwohl sie öffentlich gezeigt wurden, nicht als satirisch erkannt wurden (Japan unterhielt schon zu diesem Zeitpunkt enge politische Beziehungen zum Nazireich). Als im Herbst 1937 in München Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmen gegen den aktuellen Chefredakteur der Zeitschrift „Jugend“, Arnold Weiss-Rüthel, vorgenommen werden, wird es auch für Marxen gefährlich. Ein halbes Jahr später, im Juni 1938 stehen zwei Beamte der Gestapo vor der Tür von Marxens Atelier auf dem Holm. Sie durchsuchen die Räume und beschlagnahmen rund zweihundert Zeichnungen. Es sind wohl harmlose Gesellschaftssatiren, denn Zeichnungen auf politische Themen und Hitler-Karikaturen hat Marxen versteckt. In der Folge wird er aus der „Reichskammer der bildenden Künste“ ausgeschlossen und erhält Berufsverbot. Dann wird er auf die Flensburger Polizeidirektion zitiert. Er sei ein asoziales Element, wird ihm dort beschieden, und habe sich eine einfache Arbeit in einer Fabrik zu suchen. Marxen setzt sich jedoch über das Berufsverbot hinweg und nimmt eine Stelle als graphischer Zeichner in der Flensburger Druckerei Christian Wolff an. Nicht nur Marxen, auch seinem neuen Arbeitgeber kann man schon einiges an Rückgrat gegen die braunen Machthaber bescheinigen. Damit nicht genug. Mit immer neuen Eingaben kämpft Marxen gegen den Ausschluss aus der „Reichskammer der bildenden Künste“, wird 1941 wieder aufgenommen und darf ab sofort wieder künstlerisch arbeiten.

Herbert Marxen: So fing es an (Das große Wecken), nach 1945
(aus der Folge „Mein Dank an das Dritte Reich“)
Bleistift, aquarelliert, 36,4 x 25,4 cm, Museumsberg Flensburg

Herbert Marxen: Oberster Gewaltspießer, nach 1945
(aus der Folge „Mein Dank an das Dritte Reich“)
Bleistift, Kreide, aquarelliert, 29,4 x 20,7 cm, Museumsberg Flensburg

Nach Kriegsdienst, Kriegsgefangenschaft und dem Verlust seines Ateliers, das 1944 vom Flensburger Wohnungsamt für einen Angehörigen der SS beschlagnahmt worden war, muss Marxen, der inzwischen verheiratet ist und eine Tochter hat, von vorn anfangen. Ab 1948 bemühen sich er und seine Frau, die 1938 beschlagnahmten Karikaturen mit Hilfe von Ämtern in den verschiedenen Besatzungszonen wiederzufinden. Als dies erfolglos bleibt, beantragt Marxen eine finanzielle Wiedergutmachung, für die er schließlich vor dem Landgericht in Kiel prozessieren muss. Seine Wut auf den Nationalsozialismus verarbeitet er in dieser Zeit in über siebzig Karikaturen, in denen Hitler, Goebbels, die Nazi-Propaganda, die einfachen Parteimitglieder der NSDAP und die SS-Männer, aber auch Hitlers endgültige Höllenfahrt im Mittelpunkt stehen. Sie sind eine Abrechnung mit der Nazizeit, wie sie so von keinem anderen Künstler bekannt ist. Und sie belegen in ihrer Fülle und in ihrem Facettenreichtum, dass Herbert Marxen zu jedem Zeitpunkt bewusst war, was während der Nazizeit vor sich ging und wie die Diktatur funktionierte. Zu einem Zeitpunkt, als nach dem Zweiten Weltkrieg das große Vergessen begann und Naziverbrecher auch in Flensburg mit gefälschten Biographien untertauchen konnten, bezog er noch einmal Stellung.

Herbert Marxen: Hackenknallen üben, um 1949
Kreide, aquarelliert, 30,6 x 18,6 cm, Museumsberg Flensburg

Herbert Marxen: Das Gespenst, um 1949
Kreide, Farbstifte, aquarelliert, 27,3 x 24 cm, Museumsberg Flensburg

In Karikaturen, die unter anderem in der Düsseldorfer Zeitschrift „Der Deutsche Michel“ erschienen, nahm er die geplante „Wiederbewaffnung“ der neu gegründeten Bundesrepublik aufs Korn. Der ewige Militarist, der vor dem Spiegel wieder das Hackenknallen übt, sitzt schließlich auf dem Dach des Hauses „Bundesrepublik“, und durch den sommerlichen Strohhut bohrt sich die altbekannte Pickelhaube. Marxens Prozess um Wiedergutmachung zog sich jahrelang hin. Als 1954 zwei ehemalige Gestapo-Beamte, die an der Beschlagnahme-Aktion in seinem Atelier beteiligt gewesen waren, als Zeugen vor Gericht gehört werden sollten, erlitt der Künstler einen Schlaganfall und starb wenige Tage später. Seine Frau Hertha Marxen hat bis in die Achtzigerjahre seine Arbeiten publik gemacht und sie an Museen, Galerien und private Sammler verkauft. Ihrem Bemühen ist es zu verdanken, dass ein großer Teil davon ins Flensburger Museum gelangte und heute in dieser Ausstellung gezeigt werden kann. 

Copyright für alle Abbildungen nach Herbert Marxen: 
Dr. Julia Marxen, Hamburg